Tagebuch Adelaide
Mai 1838 - September 1838
Den 28ten Juni 1838. Donnerstag.
Nachdem wir lange nichts als Himmel und Wasser gesehen [hatten], wurden wir heute von den steilen ( 016 ) Ufern der Insel Teneriffa(026) begrüßt. Die östliche Küste dieses Eilandes hat nur eine niedrige Stelle, nämlich wo die Stadt Santa Cruz(027) (sprich Kru) erbaut ist, wo wir anlegten, alles übrige ist ganz steil mit ganz kleinen Einschnitten, wo kleine niedliche Dörfer erbaut sind; vermuthlich leben die Bewohner vom Fischen, da man vom Ackerbau keine Spur sah, nur dicht bei den Häusern hatten die Leute terassenförmige Gärten angelegt an den Bergen, sehr ähnlich den Weinbergen bei Dresden auf dem rechten Elbufer. Ich würde heute ans Ufer gegangen sein, wenn sich passende Gelegenheit dazu dargeboten hätte. Man muß nämlich, wenn möglich, mit einem Bote gehen, das ganz voll ist, sonst hat man zu viel zu bezahlen.

Den 29ten Juni 1838. Freitag.
Ich ging heute ans Ufer, ohne auch nur einen einzigen Bekannten bei mir zu haben. Teichelmann nämlich wollte nicht anders als mit noch andern Bekannten gehen, da sich aber keine fanden, an die wir uns hätten anschließen können, so entschloß ich mich zuletzt, allein zu gehen. Sobald ich ans Land kam, suchte ich ein Frühstück zu bekommen, denn da es schon 11 Uhr war und ich noch nichts genossen hatte, so war ich sehr hungrig. Lange mußte ich hin und her laufen, ehe ich den Gasthof finden konnte. Zuletzt begegnete ich einem Engländer von unserm Schiffe, der mich sogleich zurecht wieß. Nachdem ging [ich] in eine der Kirchen, die heute alle geöffnet waren ( 017 ) indem grade St. Peterstag [Petrustag](028) war. Ich fand das Kirchengebäude recht hübsch; der Boden des[Kirchen-]Schiffes war mit schwarzen und weißen Marmorsteinen gepflastert, die abwechselnd auf einander folgten. Die Seitenschiffe, wenn anders das der rechte Ausdruck ist, von dem mittleren durch Säulen getrennt, waren mit wohlriechenden Kräutern reichlich bestreut. Nur auf den Bänken zwischen den erwähnten Säulen sah man einige Leute; da weder in dem mittleren noch in den Seitenschiffen waren Bänke, und bei der Messe sah man eben so viele Priester als Zuhörer. Als ich eintrat, predigte grade ein Priester, wie es schien, mit großer Lebhaftigkeit, wahrscheinlich aber nicht mit großer Salbung [geheiligte Atmosphäre in einer Versammlung], denn die Zuhörer waren keineswegs sehr aufmerksam. Bei der Messe nach der Predigt sah man, wie schon erwähnt, eine große Zahl Priester, unter denen nicht wenige durch ihre rasierten Scheitel [Tonsur(029)] sich als Mönche ken-[n]tlichmachten. Das einzige, was mir bei allen ihren Faxen auffiel, war der Gesang, der wirklich nicht schlecht war.

Als die Kirche aus war, kehrte ich zu dem Gasthofe zurück, wo ich gewahr ward; daß Br. Teichelmann zwar ans Land gekommen, aber mit einem Engländer ausgegangen sei. Theils in der Hoffnung, ihn anzutreffen, theils um die Zeit seiner Abwesenheit hinzubringen, ging ich aus der Stadt, um einen der nahen Berge zu besteigen. Die Gärten, durch welche ich so ging, hatten ein trauriges Ansehen, das einzige, was man grünes sah, waren einige Feigenbäume und Cactus. Der letztere wächst hier sehr reichlich und wird, wie es scheint, als ein Unkraut betrachtet ( 018 )

Seite zurück
zur Gesamtübersicht "Clamor Wilhelm Schürmann"
Seite vor