Tagebuch Adelaide
Januar 1840 - Juni 1840
indem ihre Brust sehr hoch und ihr Atem schnell ging, das könne sie nicht, aber die Sache doch zu wichtig, und ich wisse selbst am besten, wie nöthig ihr Vermahnungen seien. Ähnliche Anspielungen hatte sie vorher schon gemacht, so daß ich zu dem Glauben kommen mußte, als sei sie der Meinung, ich würde ihrem Seelenheil hinderlich werden. Ich sagte ihr, daß das ein sehr harter Vorwurf sei, auf den ich nichts erwiedern, sondern nur sie bitten könnte, mir zu vergeben, wenn ich durch meinen Umgang mit ihr eine solche Furcht veranlaßt habe, was sie that.

Nicht minder bitter war es für mich, daß sie sagte, als ich sie bat, mich nicht zu verlassen, Gott werde mich auch ohne sie nicht verlassen, und als ich ihr sagte, es genüge mir zu meinem Glücke nicht, mein Essen und Trinken zu haben, [erwiederte sie], ich würde auch eine andere Freundin finden. Auch finde sie sich zu dem hohen und wichtigen Berufe gar ( 228 ) nicht geschickt, andern den Weg zur Seligkeit zu weisen. Ich hatte ihr gesagt, wie sie mich [mir] beim Empfang einen Kuß habe geben können, wenn sie so was auf dem Herzen hatte, daher erinnerte sie mich daran, als ich jetzt einen solchen als Zeichen ihrer Liebe ausbat, indeß that sie es doch, und beim Abschied noch ein Mal mit einem Blicke, der Liebe anzudeuten schien.

Beim Abschied sagte ich zu Fiedler, die Gemeine habe mich schlecht behandelt, dabei müsse ich bleiben und übrigens diese Sache Gott anheimstellen [überlassen].

Welch ein Vorfall und wie zu erklären auf Seiten meiner Braut. Es ist offenbar, daß sie vom Vater eingeschüchtert worden war; aber konnte sie nicht ein Wort zu meiner Entschuldigung sagen, bevor sie über mich richten ließ und selbst richtete? --

Zwar sagte sie, ich hätte es ahnen können, daß sie seit einiger Zeit dergleichen auf dem Herzen gehabt [hätte], aber warum mir dann nichts zu sagen, und wie es die Art der Liebe ist, mich ersuchen, nachzugeben? Warum mir gleich dies Entweder - Oder stellen, ganz gegen die Natur der Liebe? Zwar ich muß nicht vergessen, daß sie mich bat, mit ihr in die Abendstunde zu gehen, doch auch zugleich erwähnen, daß sie sagte, sie sehe es ein, daß es mir schwer werden würde; ich darf mir nicht verschweigen, daß sie mir mitteilte, ihr Vater habe zu Fritz Kavel gesagt, meine und Kavels Rechtübereinstimmung habe ihm schon manche schlaflose Nacht verursacht; aber ( 229 ) wie konnte ich das für eine Vorbereitung zu solchem Vorfall halten? --

Ungern gebe ich dem Gedanken Raum, aber vom ersten Augenblick drängte er sich mir auf, als ob Bertha's Liebe von dem Willen ihres Vaters abhänge und somit gar keine Liebe sei; daß sie vielleicht mit ihren frühern Liebhabern eben so weit wie mit mir gewesen sein möchte, und sie eben so leichtfertig wie mich jetzt abgedankt [verabschiedet] habe. Daß ich sie verlieren werde, fürchte ich noch nicht, aber eine Wunde hat durch diesen Vorfall mein Herz erhalten, die sobald nicht wieder heilen wird, Zweifel an Bertha's wirklicher Liebe.

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