Tagebuch Adelaide
August 1839 - Oktober 1839
Den 15ten September. Sonntag.
Heute Nachmittag besuchte ich meine theure Bertha, die von meiner Reise nichts wissend, sich natürlich mein langes Ausbleiben nicht erklären konnte; und ihr Vater hatte geäußert, er wisse nicht, weshalb ich nicht käme. Es waren viele Gäste bei Herrn Fiedler und daher zur Unterhaltung zwischen mir und Bertha wenig Gelegenheit, bis wir auf dem Hofe uns selbst welche verschafften. Unter den Äußerungen Berthas war mir die Frage Beweis ihrer wirklichen Liebe, wie lange ich noch hier in Adelaide bliebe? Später über unsere Zukunft sprechend, sagte sie mir, sie könne vielleicht nicht sobald frei sein, als ich es wünschen möchte, da sie ihren Vater in seiner gegenwärtigen Lage unmöglich verlassen könne. Ich nahm ( 135 ) hiebei Gelegenheit, auch sie aus einer Täuschung zu reißen, in welcher sie vielleicht sein möchte, indem ich erwiderte:

Ich fürchtete, daß ihr die Zeit noch länger werden wird, als mir, wegen meiner geldlichen Lage. Sie glaube das auch, indeß sei sie nie gewöhnt worden, das Geld als das Größte anzusehen, und Zufriedenheit ersetze vieles.

Ich: Wir hätten, beide noch jung, ja auch noch keine Eile, zumal wenn sie sich so ruhig und glücklich fühle, wie ich jetzt. Sie freue sich, und es solle ihr Glück sein, zu meinem Glück dieses beizutragen.

Abends sprachen wir über Bertha's theure Mutter, wobei ich sie von einer rührend edlen Seite kennen lernte: sie klagte sich mit edler Reue ihres untöchterlichen Benehmens an, hinzufügend, wenn sie jetzt die Mutter hätte, sie wüßte nicht, was sie ihr zu liebe thun wollte. Solche edle Ergüsse des Herzens sind liebenswürdiger und reizender, als alle Reize der Schönheit, des Witzes, des Anstandes und so weiter und daran konnte ich auch nicht mit fader Schmeichelei ihr antworten, sondern sagte tröstend, daß es auch beim Verlust meiner Mutter eben so gegangen, daß es auch kein gutes Zeichen [sei], wenn Kinder mit ihrem Betragen gegen die Eltern selbst zufrieden wären, und daß wie ihre Mutter ihr gewiß vergeben, so auch der Herr ihre Schwächheiten vergeben werde. --

Herr Julius Fiedler hatte Bertha gefragt, warum sie nicht mehr wie sonst gegen ihn wäre, ihre Antwort: weil sie einsähe, daß sie keine ( 136 ) Frau für ihn sein würde. Worauf er, wenn sie denn auch seine Bertha nicht sein könne, seine Schwester blieb sie doch! --

Die Theure antwortete, als ich zur Entschuldigung meines langen Ausbleibens Berufspflicht anführte, ich müßte allerdings unser Verhältniß gegen mein Amt nur als Nebensache ansehen -- --

Nicht so, nicht doch. Beim Abschied, von dem ich mir viel versprochen [hatte], trat Herr Fiedler störend in den Weg.

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