Tagebuch Port Lincoln
September 1840 – Januar 1845
Den 13ten December 1840. Sonntag.
Der Wind blies den Vormittag günstig, allein am Nachmittag ward er uns entgegen und die See ging dabei so hoch, daß man [es] für rathsam hielt, vor Anker zu gehen. Auf Smiths Vorschlag gingen wir unter Mount Young(092) zuerst vor Anker, aber der Dr. Harvey bildete sich ein, daß da für sein mächtiges Schiff, dem er immer ein großartiges Ansehen zu geben suchte, das Wasser nicht tief genug sei, und bestand darauf, nach der Bay nördlich von der Spitze Lowley zurück zu gehen, über zwanzig Meilen, von wo wir waren. Ein reißender Wind führte uns in einigen Stunden dahin, und wir freuten uns schon der sorgenlosen Nacht, die uns noch einmal bevorstehe, als Dr. Harvey sagte, er sähe eine sichere Bay mit einem ( 054 ) Flusse, seinen Franzosen auf den Mastbaum schickte und vorschlug, da zu ankern. Ich konnte mich meiner schlimmen Hand halber nicht umsehen, fand [mich] aber sehr getäuscht, als wir geankert hatten und die Bay mir sehr offen zu sein schien. Kaum waren wir eine Stunde da gewesen, als die Fluth eintrat und ellenhohe Brandungen mit gräßlichem Ungestüm in die Bay rollten und unser Schiff zu zertrümmern drohten. Jetzt sahen alle, selbst der eigensinnige Franzose, daß wir in einem schlechten Ankerpla[t]ze seien und man versuchte, wieder unter Segel nach der oft erwähnten Bay zu gehen, die nicht über zwei Meilen mehr entfernt war. Wir lichteten den Anker und zogen die Segel auf, allein die Wellen und der Gegenwind trieben uns nur mehr landeinwärts, statt aus der Bay, wir ließen also den Anker wieder gehen und erwarteten geduldig unser Schicksal. Erst wollten Alle außer mir an Bord bleiben, aber bald wurden die Wogen so fürchterlich, daß aller außer W. Smith ans Land gehen wollten. Demnach packten wir einen Theil der Lebensmittel und andere Sachen ins Boot, ließen zwei Wasserfässer ins Meer und gingen dann, außer Smith, der schwimmen wollte, selbst ins Boot. Kaum waren wir drei Schritte vom Schiffe [entfernt], als eine ( 055 ) mächtige Welle hinter uns aufschäumte und das Boot voll Wasser füllte, und die zweite, welche dicht hinter ihr kam, warf uns völlig um. Zum Glück waren wir gerade so weit, daß man den Boden mit den Füßen erfassen konnte, sonst möchte mein Leben in Gefahr gekommen sein, denn jeder hatte so viel mit sich selbst zu thun, daß man meiner vielleicht nicht gleich geachtet hätte und selbst kann ich keinen Fuß weit schwimmen. Wir wateten nun ans Land, sammelten die Sachen aus dem Boot zusammen, so wie sie das Meer nach und nach ans Ufer spülte, und legten uns mit halb nassen Kleidern, jämmerlichen, vom Salzwasser verdorbenen, Abendbrote, und mit vielen Sorgen schlafen. Dazu kam bei mir ein entsetzlicher Schmerz in meiner linken Hand, die schon vorher wund war, durch das Salzwasser aber, und den Mangel an frischem Brot, das ich hätte darauf thun können, in eine weitverbreitete und sehr schmerzliche Entzündung überging.

Den 14ten und 15ten December 1840.
blieb der Wind ungünstig, und die See ging so hoch, daß man es nicht versuchen konnte, aus der Bay zu gehen, nur ging der Franzose ein oder zwei Mal an Bord, ( 056 ) und brachte zur Aufmunterung unserer tief gesunkenen Hoffnung, je wieder in die offene See zu kommen, die Nachricht, daß das Schiff noch in gutem Zustand sei. Wir hatten uns ziemlich darauf gefaßt gemacht, daß wir würden zu Fuß über

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